fatzer-fragment

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zusammenfassung der arbeitsansätze
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gespräch zur position des zuschauer
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  vorbemerkung zu einer dokumentation

die wichtigkeit einer aufführung bezieht sich nicht primär aus der arbeit an der vorher bestimmten botschaft für das publikum, sondern aus dem produktionsprozess, d.h. der wichtigkeit für alle teilnehmenden. nur so kann eine produktion in einen direkten dialog mit dem zuschauer treten – in der individuellen konfrontation im arbeitskollektiv und danach mit dem zuschauer, dem keine bedeutung fertig geschnürt übermittelt wird, sondern der anhand der gezeigten haltungen seine bedeutung finden muß, in dem der raum für eine erfahrung zugestanden wird.
die auslassung konfrontiert den zuschauer mit seiner realität, die präsentation bezieht daher ihre gesellschaftliche relevanz.

das grundproblem betrifft das kommunikationsschema eines theaters, das mit seiner "wirkung" kalkuliert. die suche nach der vorherbestimmung der emotion des zuschauers, mit scheinbar aktiver kompositionsbeteiligung des zuschauers, ist ein produkt von spekulation. in der scheinbaren freiheit suche nach direkter manipulation. effektkonsum bei polizeilicher wiedererkennung der einzeleffekte. ein völlig autoritärer prozess nach beiden seiten: einerseits unterwerfe ich mich wirkungsstrategien, die aus einem abstrakten schema vom "zuschauer" bezogen sind, andererseits unterliegt der zuschauer der ideologischen unterweisung des machers. was will er mir mitteilen? was soll ich verstehen? die frage "was nehme ich wahr" kommt nicht auf.

ein harmonisch geschlossenes kunstwerk ist einfacher rezipierbar, beschreibt einen geschlossenen kosmos und verhindert das eindringen in die wirklichkeit außerhalb des theaters. eine flucht in andere welten, und keine "sehnsucht nach einem anderen zustand der welt" (jean genet), weil die wirkung bei beendigung der aufführung aufhört.

ausgangspunkt ist die wiederholung des bereits bekannten ausgehend von gewohnten emotionen, keine suche nach dem unbekannten, ungewohnten.

ist die bestätigung oder die infragestellung von wirklichkeit das entscheidende in der kunst?

was ist wahrheit? wer entscheidet darüber?
im theater heute existiert wahrheit nur als konstruiertes schema von wirklichkeit, die es auch nur da als solche gibt, die aber vom zuschauer als wahrheit – und nicht bloß als wiedererkennen von bereits bekanntem - abgelehnt wird.

ist die pathetische erregung eines darstellers oder einer szenischen führung gleichzusetzen mit der erregung des zuschauers? was erzeugt beim zuschauer erregung und läßt ihn aus einem zustand in den nächsten passieren?

wo existiert ein theatraler raum, in dem der zuschauer erfahrungen machen kann und keine bereits gemachten zur konsumtion bekommt?

in einer reihe von arbeiten mit dem theatercombinat wird versucht, diese fragen und das damit verbundene theatrale interesse praktisch zu entwickeln und zu präzisieren.

im folgenden soll durch eine auswahl von arbeitsmaterial, überlegungen und kritiken zu der jüngsten arbeit, am fatzer-fragment von bertolt brecht (théatre du grütli, genf, märz bis juni 1998), ein anfang gemacht werden, diese arbeitsansätze zu dokumentieren.

claudia bosse


www.theatercombinat.com theatrale produktion und rezeption