!!!! publikation im triton verlag, erschienen januar 2004!!!!

anatomie sade/wittgenstein anatomy sade/wittgenstein

"mein körper ist nie verschwunden und nach einiger zeit wieder aufgetaucht." l.w.

präsentationen bis 2.11.2002/ lerchenfelder gürtel 43/ mi 21.00h + sa 18.00h/ info tel: 9669628.// 6.11.02 special: body,building + theory under construction von 24.00h- 7.00h

theatercombinat : konzept +choreographie: claudia bosse. choreographien + spiel: markus keim, andreas pronegg, christine standfest und doris uhlich. gäste ab august 2002: maya bösch, martina luef, anne schuelke, gini müller u.a.

körperforschung mit leseversuchen zu "tractatus logicus philosophicus" +"über gewissheit" von ludwig wittgenstein und "philosophie im boudoir" + "120 tage von sodom", sowie andere texte von marquis de sade.

die texte werden nicht bebildert, sondern sind assoziative, methodische hintergründe unserer körperforschung. die choreographien sind aus der perspektive dieser differenten sprachlichen konstruktionen entwickelt worden,dh. wie diese texte auf den unterschiedlichen physiognomien/anatomien spuren hinterlassen oder verschwinden hinter den muskeln und sozialen gravuren des jeweiligen körpers. die texte sind der methodische und situative blick unserer körperforschung.
seit april 2001 wird bewegungsmaterial in unterschiedlichen räumen in wien erforscht. die tänzer/spieler arbeiteten z.b. 8 monate gleichzeitig auf mehreren etagen eines 5-stöckigen hauses mit claudia bosse an individuellem bewegungsmaterial, ohne kenntnis vom arbeitsmaterial ihrer kollegen zu haben. nach dieser zeit begannen improvisations-, kombinations- und kompositionsversuche.
die räume einer ehemaliger lederfabrik, johannagasse,im 5. wiener bezirk wurden genutzt in unterschiedlichen raumkonstellationen.

dies ist ein spezifischer arbeitsansatz nach 2 jahren chorrecherche, bei der immer alle spieler gemeinsam gearbeitet haben. ("massakermykene" 1999/2000, texte von bertolt brecht, "fatzer" und aischylos, "orestie", schlachthof st. marx, wien. abschluss mit einer 36 stunden aufführung).
im april/mai 2002 fanden 4 zuschauerversuche von anatomie sade/wittgenstein statt, die "111 minuten skizzen". zu jeder dieser skizzen wurde je eine zuschauerguppe geschlossen in die johannagasse im 5. bezirk eingeladen:
1.) künstler + freunde, 2.) nachbarn, 3.) pensionistinnen (nur frauen), 4.) studenten der formalen logik - eine untersuchung des repräsentations- und rezeptionsverhaltens unterschiedlicher sozialer gruppierungen innerhalb unserer arbeit.

body and building under construction
seit anfang 08/02 besteht eine zusammenarbeit mit dem architekturbüro BKK-3 (z.b. sargfabrik + miss sargfabrik), in derem gewerberohbau IP.TWO das theatercombinat gleichzeitig zu den fortschreitenden bauarbeiten und mit bauarbeitern probt. das bereits bestehende choreographische material wird in die räume gesetzt und durch diese verändert, auf die veränderungen des baufortgangs wird reagiert und neues bewegungsmaterial entwickelt.
in den kompositionen für spieler und zuschauer wird z.b. gearbeitet mit gleichzeitigkeiten, d.h. je einem spieler in mehreren räumen, räumlichen konzentrationen aller darsteller in einem raum, sowie vertikaler und horizontaler rhythmisierung des gesamtraumes. die zuschauer/ besucher sind eingeladen sich durch das 7-stöckige gebäude zu bewegen und ihre eigenen perspektiven zu bestimmen. das "verpassen" ist teil der rezeption.

in den 7 etagen des rohbaus, gelegen am wiener lerchenfelder gürtel 43 im 16.bezirk, werden ab dem 9. oktober bis 2. november 2002, jeweils mittwochs 21.00h und samstags 18.00h, veröffentlichungen von anatomie sade/wittgenstein stattfinden. eine textinstallation wird bis zur 1. präsentation an der fassade des gebäudes täglich komplettiert.

presse 1 volksstimme gini müller 40/2002

presse 2 orf kultur

presse 3 falter wolfgang kralicek, city ewald schreiber, theater der zeit cornelia niedermeier, ballet tanz helmut ploebst

 

arbeitsansätze

1. zuschauerkommunikationen


voyeurismus
bewusstes zeigen quasi intimer vorgänge, inkludiert peinlichkeit und scham, operiert mit eben diesen gefühlen des betrachters und seiner betrachterperspektive.
(der akteur handelt freiwillig und entscheidet in bestimmten regeln die gestalt seines tuns. intimität der gleichzeitigkeit von erfinden und eben dieser erfindung eine gestalt zu geben, die man zuvor noch nicht kennt. der betrachter entscheidet mit die verhältnisse von nähe und distanz.)

gezeigte interaktion
in der interaktion mit zuschauern wird interagieren als einverständnis gezeigt. der moment der interaktion hat regeln und nur bestimmte möglichkeiten der reaktion, die durch die art der aktion vorstrukturiert sind. was ist eine situation, in der man als spieler eine lücke lässt, die für den zuschauer interaktion möglich macht, wenn er die lücke wahrnimmt, aber sie nicht notwendig erzwingt?
(der spieler wird in dieser situation zuschauer des zuschauers und der gesamten situation. es besteht eine gleichzeitigkeit von zuschauer und spieler. der zuschauer wird als handelnder und nicht als betrachter adressiert.)

verdeckte interaktion// interaction masqué oder interaction caché
die interaktion ist nicht reines ziel des spiels. die interaktion ist list oder luxus der situation. es gibt interaktionen, die ein dritter zuschauer als solche erkennt, die aber dem interagierenden zuschauer als interaktion nicht notwendig bewusst werden. die interaktion wird nicht unbedingt einverständig sichtbar, sie findet statt und wird in diesem stattfinden nicht ausgestellt/ gezeigt. simple reizreaktionsmuster werden nicht bedient, sondern theatral bearbeitet.


2. körperbilder / sprachen / zeiten

kraftverhältnis zwischen den körpern und dem raum.
die arbeit in riesigen räumen zwingt dem körper eine extreme disziplin auf, in diesen räumen zu bestehen. die möglichkeiten des körpers und der sprache werden extrem vororganisiert, weil die aufgebrachte kraft der spieler der gewalt des raumes standhalten muss. die furcht vor dem raum ist nach zwei jahren arbeit gesunken. es besteht ein interesse an anderen körperbildern, anderen sensibilitäten, anderem geschlechtlichen ausdruck - vom körper ausgehend das theater zu beschreiben.


geformter körper
durch trainings werden die körper geformt, bewusst gemacht, ihre soziale formung bearbeitet und/oder korrigiert. dies erweitert die möglichkeiten von körperlichem handeln und kann auch neue möglichkeiten der körperlichen phantasie öffnen.

ausschweifender körper
körper, der aus einer form ausbricht, sich einer formierung entzieht, ungeordnet ausdruck wird einer nicht zuvor gewussten wirkung. etwas zu versuchen mit dem körper, was man nicht bereits kann. unbewusstes tun, rauschhaftes handeln, identifikation mit einer bewegung, unkontrollierter ausdruck.

sprechender körper
rhythmus und gestus von sprache organisieren den rhythmus und gestus des körpers. der atem und die beschaffenheit der sprache formen den atem und die beschaffenheit des körpers. die raumgrösse und entfernung des adressaten bestimmen den aufwand des sprechens und somit den aufwand des körpers. der körper kann den gesetzen des sprechens untergeordnet sein, oder aber man kann den körper der sprache und der organik des sprechens entgegensetzen, d.h. im körper widerstand beziehen aus der spannung zwischen sprechvorgang und entgegengesetztem körperlichen tun.

chorischer körper
der chor als körper formt sich und jeden einzelnen körper des chores. der versuch ist ein energetischer austausch, ein sich gegenseitig formierendes ganzes.

reagierender körper
die reaktion des körpers auf eine situation, auf einen anderen körper, eine andere organik. die form und qualität der reaktion (impulsiv, verzögert, sprachlich, körperlich) bestimmen die veränderung und ihr ausmass für das ganze.

 

3. raumkörper/körperraum


der nachträgliche raum
gebündelter körper/chor. dh. das distanzverhältnis der körper zueinander ist meistens gering. man durchschneidet den raum. die addition von augenblicklichen bewegungen auf der stelle ergibt eine spur. der verlauf beschreibt den raum, der sich nachträglich konstruiert.

gespannter handlungsraum
der aktionsraum bezieht sich auf die architektur des realraumes. das raumgefüge wird durch das verbindungsnetz der spieler gespannt, setzt sich als raumgefüge in einen raum. dieser raum kann sich durch wege / aktionen / veränderung der positionen der spieler zueinander permanent verändern. jeder spieler und auch zuschauer, befindet er sich innerhalb dieses gespannten raumes, kann den raum verändern. (interaktionsraum für die interaction caché)

der gleichzeitige raum
von einem konzentrierten raumausschnitt aus setzt der spieler sprache und bewegung, die zwar zunächst einen kleinen aktionsraum haben, sich aber durch bewegungs/sprachrichtung, spannung, energie und konzentration auf das ausmaß des gesamten raumes beziehen.

raumspuren/skandierter raum
das raumwirken des einzelnen körpers ist auf der stelle. durch die fortbewegung, die spuren der einzelnen körper, die addition ihrer bewegungsrichtung und örtlichen veränderung wird der raum beschrieben.

additiver raum
der gespannte raumkörper oder der spuren hinterlassende körper bildet eine vernetzung unterschiedlicher raumausschnitte, die ein spezifisches verhältnis zum gesamtraum eröffnet. die einzelnen raumausschnitte sind nicht von einem betrachtungspunkt aus zu erschliessen.
als zuschauer bin ich in räumen, verlasse sie, trete in wieder andere ein. die fortbewegung des zuschauers ist für diese wahrnehmung notwendig.

(erinnerung. herausbilden eines raumgefühls beim spieler durch erfahrungen und gefühle während der proben.)

arbeitsansätze stand 01/2001

diese arbeit wird unterstützt von der stadt wien

 

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